Bendix G-15: ein Minicomputer mit Röhren
Geschrieben am 21.04.2026 von HNF
In der Mitte der 1950er-Jahre brachte die Bendix Aviation Corporation in Los Angeles den G-15 heraus. Er war der erste kleinere Computer, der in größerer Zahl verkauft und vermietet wurde. Der G-15 rechnete mit Röhren und einem Trommelspeicher; sein Entwickler Harry Huskey übernahm Konzepte von der englischen Pilot ACE, die auf Alan Turing zurückging.
Das erste Elektronengehirn ENIAC füllte 1946 vierzig feste und drei mobile Schränke. Seine Nachfolger schrumpften etwas, und im Mai 1952 behandelte eine Tagung in Washington Computer mit moderaten Preisen. Im Dezember 1954 folgte in Philadelphia eine Konferenz über kleine Digitalrechner. Im Juni 1956 lief bei Zeiss in Oberkochen eine Zuse Z11, die man ebenfalls für klein halten kann.
Schon im August 1954 sprachen Harry Huskey und David Evans auf der Fachmesse Wescon in Los Angeles über den Bendix G-15, den sie small in physical size nannten. Er war 1,83 Meter hoch und bedeckte eine Fläche von 82 mal 91 Zentimetern; seine Dimensionen entsprachen den Minicomputern, die in den 1960er-Jahren erschienen. Wir wissen nicht, ob auf der Wescon der G-15 selbst zu sehen war. Der Hersteller, die Firma Bendix Aviation aus Los Angeles, hatte aber einen Messestand. Im Oktober 1954 setzte sie eine Anzeige in eine Fachzeitschrift für Luftfahrt.
Harry Huskey entwarf den G-15. Er wurde 1916 im US-Bundesstaat North Carolina geboren und wuchs im ländlichen Idaho auf. Er studierte Mathematik und wirkte nach der Promotion 1943 am ENIAC-Projekt mit. Ab Ende 1946 arbeitete er in London an Studien zur Pilot ACE und traf dabei öfter Alan Turing. Von 1948 bis 1950 baute Huskey den Röhrenrechner SWAC in Los Angeles. 1954 erhielt er eine Professur für Elektrotechnik an der Universität Berkeley. Zur gleichen Zeit entwickelte er für Bendix den Computer G-15; verschiedene Konzepte übernahm er von der Pilot ACE, etwa die serielle Verarbeitung.
Der Physiker David Evans, Huskeys Kollege bei Bendix, kam 1924 in Salt Lake City zur Welt. 1962 ging er ebenfalls nach Berkeley; ab 1965 lehrte er an der Universität von Utah, wo er Pionierarbeit in der Computergrafik leistete. 1968 gründete er mit Ivan Sutherland die bekannte Firma Evans & Sutherland. Evans starb 1998 in seiner Geburtsstadt. Harry Huskey schloss sich 1966 der Universität von Kalifornien in Santa Cruz am Pazifik an, vorher war er kurze Zeit in Indien tätig. 1986 trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Mit 101 Jahren starb er 2017 in Santa Cruz.
Die Bendix Aviation Corporation wurde 1924 als Bendix Corporation in South Bend im US-Staat Indiana gegründet. Fans alter Straßenkreuzer kennen den Ort als Heimat der Marke Studebaker. Auch Bendix begann mit Autotechnik und fertigte zunächst Bremsen, später erweiterte die Firma die Produktpalette. 1952 erwarb sie die Computerabteilung der Flugzeugfirma Northrop, die den digitalen Differentialanalysator MADDIDA herausbrachte. Den ersten Computer eigener Herstellung, eben den G-15, liefert sie vermutlich 1955 aus.
Ein G-15 enthielt 450 Röhren, 3.000 Germanium-Dioden und einen Trommelspeicher für 2.160 Worte zu 29 Bit. Der Speicher imitierte eine Gruppe von Verzögerungsleitungen; nach Abschalten des Computers verschwanden alle Daten. Als Terminal diente eine umgebaute IBM-Schreibmaschine. Anschließen ließen sich Magnetband-Laufwerke, Lochkarten- und Lochstreifengeräte, ein Plotter und der schon erwähnte Differentialanalysator. 1958 kostete die Grundeinheit 49.500 Dollar in bar oder 1.485 Dollar Monatsmiete.
Insgesamt entstanden rund vierhundert G-15-Systeme. 1961 stellte Bendix das Modell G-20 vor, das Transistoren und einen Kernspeicher nutzte. 1963 verkaufte das Unternehmen den Rechnerbereich an die Control Data Corporation, die die Produktion bald einstellte. Der Rest der Firma machte mehrere Umstrukturierungen durch und landete 2002 beim Münchner Knorr-Bremse-Konzern. Einige G-15-Rechner blieben erhalten, das Exemplar im System Source Museum in Hunt Valley bei Baltimore gilt als ältester lauffähiger Computer der USA.
In Deutschland kennen wir keinen G-15, das HNF zeigt aber – siehe unten – eine LGP-30 von der Schoppe & Faeser GmbH Minden. Es handelt sich um den Nachbau eines Rechners, den die kalifornische Firma Librascope ab 1956 anbot. Er kostete so viel wie der Bendix, hatte ähnliche Leistungen und vergleichbare Verkaufszahlen. Die LGP-30 sieht eleganter aus als der G-15 und benötigte weniger Elektronenröhren. Das Computermuseum der Universität Stuttgart, das müssen wir neidlos anerkennen, verfügt sogar über eine lauffähige LGP-30.




In Computers and Automation, Vol. 9 No. 12, Dezember 1960, findet sich auf Seite 35 eine ganzseitige Anzeige für den Rechner, samt Abbildung der kompletten Peripherie.
Nachtrag: Das Titelblatt der Ausgabe vom März 1958 (Vol. 7 No. 3) zeigt den G-15 zusammen mit Musikern. Der Kommentar lautet:
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FRONT COVER: COMPUTER AS MUSICIAN
The front cover shows a picture of the Bendix G-15 computer in the role of musician. During the holiday season this computer was on television playing carols.
It is shown here being televised with Bob Cooper on the oboe and Howard Rumsey on the bass viol.
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