Das mysteriöse Voynich-Manuskript
Geschrieben am 22.05.2026 von HNF
Es liegt in der Bibliothek der Universität Yale und gilt als die geheimnisvollste Handschrift der Welt: das Voynich-Manuskript. In der frühen Neuzeit von einem unbekannten Urheber verfasst, wurde es in den 1920er-Jahren allgemein bekannt. Es enthält viele rätselhafte Bilder und einen von Anfang bis Ende verschlüsselten Text. Die Schrift widerstand bislang allen Versuchen einer Dechiffrierung.
Er führte ein Leben wie aus einem Roman von Dostojewski. Geboren wurde Wilfrid Voynich 1865 als Michał Habdank-Wojnicz in Telschi im Zarenreich; heute heißt die Stadt Telšiai und liegt in Litauen. 1885 kam er in Warschau ins Gefängnis und 1887 in die Verbannung nach Sibirien. 1890 gelang ihm die Flucht nach London, dort eröffnete er später ein Antiquariat. 1902 heiratete Voynich Ethel Boole, die jüngste Tochter des Mathematikers George Boole. Er starb 1930 in New York.
1912 erwarb Wilfrid Voynich in Italien eine chiffrierte und farbig illustrierte Handschrift aus 116 Pergament-Blättern. Das Format betrug 22,5 mal 16 Zentimeter, etwas größer als DIN A5. Er hielt es für ein Werk des englischen Gelehrten Roger Bacon aus dem 13. Jahrhundert. In dieser Ansicht folgte ihm der amerikanische Philosoph William Newbold, der in den 1920er-Jahren umfangreiche Versuche zur Entschlüsselung unternahm. Seine Aktivitäten machten das Manuskript bekannt, 1922 erschien dazu auch ein Artikel in Deutschland.
Die Geschichte der Handschrift erzählt die englische Wikipedia, eine Radiokarbon-Analyse wies das benutzte Pergament der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu. Die Zeichnung einer Burg mit Schwalbenschwanzzinnen legt nahe, dass der Autor oder sein Maler Norditalien kannte. Seit 1969 liegt das Manuskript, inzwischen nach Wilfrid Voynich benannt, in der Beinecke-Bibliothek der Universität Yale im US-Bundesstaat Connecticut. Im Buchhandel gibt es von ihm eine Faksimile-Ausgabe, online lesen kann man es hier und hier. Auch die Wikimedia hat eine Voynich-Seite.
Anhand der Illustrationen kann man das Manuskript in mehrere Abschnitte untergliedern. Die erste Hälfte widmet sich der Botanik, es folgen kürzere Teile mit Sternbildern, badenden Frauen und seltsamen Rosetten. Das letzte Viertel zeigt wieder Pflanzen und 23 Seiten Text. Eine gute Einführung in die Schrift verdanken wir der Kryptografin Mary D’Imperio. Ihr Buch „The Voynich Manuscript: An Elegant Enigma“ erschien 1978 mit dem Segen der NSA. Wir empfehlen ebenso den Film Das Voynich-Rätsel des Senders ORF, die Internet-Seite des Darmstädter Experten Rene Zandbergen und das Voynich-Portal der Universität Köln.
Das Manuskript konnte bis jetzt nicht dechiffriert werden; dabei nehmen wir an, dass es nicht mit einem Zufallsverfahren entstand, sondern auf einem sinnvollen Klartext basiert. Einen Einstieg in eine Entschlüsselung bietet Blatt 57v oder Bild 113 im Internet Archive, siehe oben. Es wirkt mathematisch, eine Zeichenfolge tritt mehrmals auf. Die Voynich-Gemeinde hat die Seite natürlich diskutiert, auch Mary D’Imperio erwähnte sie. Die älteren Ideen lassen sich leicht mit Voynich f57v oder nur mit f57v ergoogeln.
Einen anderen Zugang erlauben die Tierkreiszeichen im astronomischen Abschnitt. Sie beginnen mit den Fischen und enden mit dem Schützen, der eine Armbrust trägt. Diese Analyse deutet die Worte neben den Zeichen als Monatsnamen, jedoch in französischer Sprache. Auf Bild 131 – dem mit der Waage – versteckt sich ein interessantes Detail: Die unbekleidete Dame ganz oben trägt eine österreichische Krone, das zeigt ein Vergleich mit einem Portrait von Herzog Rudolf IV aus den 1360er-Jahren.
Mit seinen freizügigen Frauenbildchen schlägt das Voynich-Manuskript alle Werke der Weltliteratur. Möglicherweise inspirierte es den Künstler, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts die alchemistische Handschrift Donum Dei ausmalte. Die British Library verwahrt sie unter Nummer Sloane MS 2560; das fröhliche Paar erinnert an die Nymphen unseres Manuskripts. Auch seine wild wuchernden Pflanzen könnten Parallelen in der Alchemie besitzen. Weitere Anregungen vermittelt diese Übersicht.
Unser Eingangsbild entspricht Bild 121 der Handschrift aus dem Astronomie-Kapitel. Im rechten Teil steht bei der 10-Uhr-Position die Sterngruppe der Pleiaden, auch bekannt als Siebengestirn. Allen Voynich-Manuskript-Fans und denen, die es werden wollen, wünschen wir viel Erfolg bei ihren Entschlüsselungen. Den Leser und Leserinnen unseres Blog senden wir die besten Grüße für die Pfingsttage und melden uns gleich danach zurück.


