Kundschafter des Kommunismus
Geschrieben am 14.08.2026 von HNF
Am 1. April feierte der BND den 70. Geburtstag. Vor 75 Jahren, am 16. August 1951, entstand in Berlin das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung. Es spionierte für die DDR, der erste Chef war Anton Ackermann. Im September 1953 wurde es zur Hauptabteilung XV im Staatssekretariat für die Staatssicherheit und im Mai 1956 zur Hauptverwaltung A.
Die Geheimdienst-Geschichte der DDR beginnt am 8. Februar 1950 mit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit MfS – wir überspringen einmal die Vorläufer. Nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 wurde es zu einem Staatssekretariat im DDR-Innenministerium zurückgestuft, im November 1955 erfolgte aber die Wiederherstellung als Ministerium. Im November 1989 mutierte das MfS zum Amt für Nationale Sicherheit, 1990 verschwand es.
Das Ministerium für Staatssicherheit, bekannt als Stasi, hatte die eigene Bevölkerung im Blick. Einen Auslandsgeheimdienst legte sich die DDR erst am 16. August 1951 zu – nach Anweisung aus Moskau. Damals versammelten sich im Ostberliner Stadtteil Bohnsdorf acht Deutsche und vier Russen und gründeten das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung IWF. Das Institut leitete Anton Ackermann, der dem DDR-Außenministerium angehörte, über den sowjetischen Chefkontrolleur Andrej Graur wissen wir wenig. Zu den Gründern gehörte der 28-jährige Markus Wolf.

Anton Ackermann – geboren wurde er als Eugen Hanisch – aufgenommen im Jahr 1946. (Foto Abraham Pisarek/Deutsche Fotothek CC BY-SA 3.0 DE seitlich beschnitten)
Die erste Adresse des IWF war eine Schule in Pankow, später wechselte es in die Innenstadt. Seine Aufgaben umfassten die politische Aufklärung in der Bundesrepublik und in West-Berlin sowie die Industrie-, Wirtschafts- und Wissenschaftsspionage; außerdem gab es Abteilungen für Auswertung, für Spionage-Werkzeuge wie Container und Chiffren, für die Spionageabwehr – hier fand Markus Wolf seinen Platz – und eine Spionageschule. Die Zahl der Mitarbeiter ist unbekannt, sie lag am Ende wohl zwischen einhundert und zweihundert.
Im Dezember 1952 stieg Markus Wolf an die Spitze des IWF auf. Für den 2. Februar 1953 überliefert das CIA-Archiv eine längere Ansprache an die Belegschaft, man kann sie nach Anmeldung im Internet Archive mit etwas Mühe lesen. In der CIA-Broschüre kommt direkt danach eine Ansprache, die Wolf am 7. März 1953 zum Tod von Josef Stalin hielt; hier haben die Amerikaner den Text netterweise transkribiert. Die US-Agency gelangte durch einen Maulwurf, wie die Geheimdienstler sagen, in den Besitz der beiden Niederschriften.

Markus Wolf 1989 (Bundesarchiv, Bild 183-1989-1208-421/Schöps, Elke/CC-BY-SA 3.0 seitlich beschnitten)
Schon 1952 floh der IWF-Mitarbeiter Emil Kersting in den Westen, am 3. April 1953 folgte ihm der Abteilungsleiter Gotthold Krauss. Er war der erwähnte CIA-Maulwurf und brachte viel Material über seinen Arbeitgeber mit. Der Verfassungsschutz verlor keine Zeit und startete die Aktion Vulkan, die zur Festnahme von IWF-Agenten und auch von harmlosen Interzonen-Händlern führte. Die Stasi rächte sich durch Aktionen und Prozesse gegen Personen, die man mit der Organisation Gehlen, der Vorläuferin des BND, in Verbindung brachte.
Die Unterwanderung durch westliche Geheimdienste und die Ereignisse des 17. Juni 1953 bedeuteten das Ende des IWF als eigenständige Organisation. Nach Beschluss des SED-Politbüros vom 23. September 1953 wurde es zur Hauptabteilung XV des Staatssekretariats für Staatssicherheit im Innenministerium. Von Mai 1956 bis zur Schließung im Juni 1990 trug die Abteilung die Bezeichnung Hauptverwaltung A oder HV A; das A hat dabei keine weitere Bedeutung. Sie gehörte zum wiedererstandenen Ministerium für Staatssicherheit, den Chefsessel besetzte bis zu seinem vorzeitigen Ausscheiden 1986 Markus Wolf.

Hauptquartier der Hauptverwaltung (Foto Gunnar Klack CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
Die Geschichte der HV A erzählt dieser Band aus den 2000er-Jahren; weitere Informationen liefern die Broschüre Die Stasi im Westen und ein Buch zur West-Arbeit des MfS. Die Stasi-Mediathek besitzt Dokumente zur HV A allgemein und zu ihrer Zentrale im Ministerium für Staatssicherheit. Wir finden außerdem Videos zu den Geheimdienst-Legenden Kim Philby und George Blake, die Markus Wolf in der DDR besuchten, sowie zu Günter Guillaume und zum Agentenaustausch von 1986 auf der Glienicker Brücke. Er war der letzte dieser Art auf der „Bridge of Spies“.
Wie man weiß, durfte die HV A vor der Auflösung im Jahr 1990 ihr Archiv entsorgen. Manches entging der Vernichtung wie die Dateien SIRA und Rosenholz – über sie schrieben wir im Blog – und die Liste der Ausgangsinformationen. Die Berichte zu Wissenschaft und Technik erscheinen ab PDF-Seite 1.394. Bei Computern interessierten die Ostspione vor allem die Marken IBM und Siemens, zu Nixdorf entdeckten wir nichts. Überlebt hat ebenso der Mythos HV A; im Moment entsteht dazu eine Serie für die BBC unter dem Titel „Legacy of Spies“.