Der Sommer der Geldautomaten

Geschrieben am 27.06.2017 von

Am 27. Juni 1967 installierte das Bankhaus Barclays im Londoner Stadtteil Enfield den ersten Geldautomaten. Kurz darauf startete die Sparkasse im schwedischen Uppsala ein ähnliches Gerät. Ende Juli 1967 weihte die Westminster Bank einen Geldspender im Londoner Zentrum ein. In 50 Jahren entstand eine weltumspannende Industrie, in der auch der Name Nixdorf noch etwas bedeutet.

Es war ein Volksauflauf, wie ihn der im Norden Londons liegende Stadtbezirk Enfield selten erlebte. Am 27. Juni 1967 drängte sich eine Menschenmenge um ein spätviktorianisches Gebäude, die Filiale der Barclays-Bank. Der stellvertretende Direktor Sir Thomas Bland enthüllte einen ins Gemäuer eingelassenen Apparat. Der neben ihm stehende Fernsehstar Reg Varney zückte einen Scheck, steckte ihn ins Gerät und tippte eine Zahl ein. Es klickte und klackte, und heraus kamen zehn Ein-Pfund-Noten. Sie waren das erste Geld aus einem Geldautomaten.

So begann vor fünfzig Jahre ein neues Zeitalter der Finanzgeschäfte. Entwickelt hatte den Kassierroboter, wie ihn die Presse nannte, der Schotte John Shepherd-Barron von der Firma De La Rue. Das 1821 gegründete englische Unternehmen druckte Banknoten, Schecks, Pässe und andere sensitive Dokumente. Shepherd-Barron leitete den Bereich Geldtransporte und eine kleine Abteilung für Bankautomation. An einem Wochenende des Jahres 1965 traf ihn ein Geistesblitz, angeblich in der Badewanne. Dann ging alles sehr schnell.

Er kam ins Gespräch mit einem Kollegen von Barclays, und die Bank erteilte einen Auftrag für sechs Automaten. Shepherd-Barron verstand etwas von Technik und konnte auf Erfindungen seiner Abteilung zurückgreifen, etwa auf einen Mechanismus zum Geldzählen. Das „De La Rue Automatic Cash System“ arbeitete mit sechsstelligen Codenummern. Ein besonderes Kennzeichen war der Einsatz von schwach radioaktiven Kohlenstoff-Atomen. Durch sie erhielten die Schecks eine leicht erkennbare und schwer zu fälschende Ausstrahlung.

Die Filiale von Barclays in Enfield (Foto Christine Matthews, CC BY-SA 2.0)

John Shepherd-Barron erhielt 2005 den Orden des Britischen Empire, er starb 2010 im Alter von 84 Jahren. Hat er aber die Automated Teller Machine – so heißt der Geldautomat im englischen Sprachraum – oder ATM erfunden? Es gab jedenfalls Vorläufer wie den 1905 in Armenien geborenen und 1997 in Florida verstorbenen Luther Simjian. Er konstruierte den sogenannten Bankograph, der 1961 einige Monate lang in New York operierte. Es handelte sich aber nur um einen Apparat zum Deponieren von Wertsachen.

Simjian war ein echter Daniel Düsentrieb. Unter seinen 300 Patenten finden wir eines von 1960, das tatsächlich einen Geldautomaten beschreibt. Das US-Patent Nr. 3,038,157 für eine „Deposit Exchange Machine Including Image Recording Means“ meldete er 1962 auch in der Bundesrepublik an. Offenlegungsschrift Nr. 1.449.300 beschrieb eine Wechselmaschine, „die zum Auszahlen von Schecks dient, wobei der festgesetzte, vorherbestimmte oder veränderliche Wert der Entnahme wahlweise vom Benutzer der Maschine eingestellt werden kann“. Zu einem deutschen Patent kam es aber nicht.

Im Sommer 1966 erschienen in den USA Zeitungsberichte über eine japanische „Computer Loan Machine“. Sie gab nach Einstecken einer Kreditkarte eine kleine Geldsumme heraus. Nach drei Monaten musste der Kunde den Betrag mit Zinsen zurückzahlen. Im Oktober des Jahres stellte die amerikanische Tresorfirma Diebold einen Video-Bankschalter vor. Über eine Fernsehleitung konnte eine Angestellte den Kunden und seinen Scheck überprüfen und Geld freigeben. 1969 wurde ein ähnliches Gerät in London tatsächlich installiert.

Geldautomat von Luther Simjian, den er 1962 beim bundesdeutschen Patentamt anmeldete; die Grafik stammt aus der Offenlegungsschrift Nr. 1.449.300

Zurück ins Jahr 1967. Gut einen Monat nach dem Start des Automaten in Enfield ging in London ein zweiter in Betrieb. Ab dem 31. Juli 1967 arbeitete im Stadtzentrum in einer Filiale der Westminster Bank ein Geldspender von Chubb, einem traditionsreichen Hersteller von Safes und Schlössern. Konstrukteur war der 1937 geborene Ingenieur James Goodfellow. Der Bankautomat von Chubb verlor das Wettrennen um die früheste Aufstellung, enthielt aber ein wichtiges Element: die Persönliche Identitätsnummer oder PIN.

Am 2. Mai 1966 meldeten James Goodfellow und ein Kollege das Sicherheitskonzept, das alle Bankautomaten prägt, in London zum Patent an. Erst 1980 lag das deutsche Patent vor. Man findet es auf der Internetseite des Patentamts nach Eintippen des Titels „Ausgabeanlage mit Selbstbedienung“. Danach bitte die pdf-Dateien in der oberen Zeile anklicken. Aus dem Jahr 1969 stammt ein australischer Fernsehbericht zum Automaten. Und 2006 bekam auch Goodfellow den Orden des Britischen Empire.

Im Sommer 1967 startete noch eine dritte Geldmaschine, und zwar in Schweden. In der Mauer der Sparkasse von Uppsala stand am 6. Juli 1967 ein Bankomat zur Verfügung. Geliefert hatte ihn die Firma Metior aus Malmö. Am 7. Mai 1968 ging in dieser Stadt der erste Online-Geldautomat in Betrieb. Ein Bankomat wurde dabei mit einem Computer des Typs IBM 360 verbunden. Das Modell wurde auch exportiert. Der Film des Schweizer Fernsehens vom 1. November 1967 zeigt aber ein Gerät von De La Rue in einer Bank in Zürich.

Nixdorf-Geldautomat aus den frühen 1980er-Jahren: Man erkennt den Magnetstreifen der Bankkarte

Der schwedische Bankautomat war also der erste auf dem europäischen Kontinent. Über den ersten in Deutschland freuten sich am 27. Mai 1968 die sparsamen Schwaben. Die Kreissparkasse Tübingen installierte ein Gerät von AEG-Telefunken und der Geldschrankfirma Ostertag. Wer einen Plastikausweis, genügend Auszahlungsbelege und einen Schlüssel für den integrierten Tresor mitbrachte, konnte bis zu 400 DM abheben. Das Verfahren war auf jeden Fall umständlich, und die beiden Hersteller gibt es mittlerweile nicht mehr.

Dafür überlebte die Geldautomatensparte der Firma Nixdorf. Im Dezember 1978 stellte die Kreissparkasse Köln das erste Gerät aus Paderborn auf. Es gehörte einer neuen Generation an und war mit dem Computersystem der Sparkasse verbunden. Es besaß ein Display und gab nicht nur Geldscheine, sondern auch Kontoauszüge aus. Erreichen konnte man das System allerdings nur zu den normalen Öffnungszeiten. Populär wurden die Bankautomaten erst, als sie im Foyer und rund um die Uhr zugänglich waren.

1990 erfolgte bekanntlich die Gründung der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG. 1999 verselbständigte sich die ATM-Abteilung unter dem Namen Wincor Nixdorf. 2016 wurde sie von der amerikanischen Diebold Inc. übernommen, die wir bereits 1966 kennenlernten. Die Gesamtfirma heißt heute Diebold Nixdorf. Sie ist das einzige globale Unternehmen, das diesen vertrauten Namen enthält und immer noch Geldspender baut.

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Ein Kommentar auf “Der Sommer der Geldautomaten”

  1. Udo Tewes sagt:

    50 Jahre ATM in Europa, 40 Jahre GAA Nixdorf Paderborn.
    Dies ist eine interessante Zusammenfassung. Die Nixdorf Produktentwicklung in
    Paderborn verlief in verschiedenen Intervallen und hat bis heute zum Geschäftserfolg
    beigetragen.

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