Rechenmaschinen im Sucher

Geschrieben am 23.06.2015 von

Heinrich Heidersberger, 1906 in Ingolstadt geboren und ein Jahrhundert später in Wolfsburg verstorben, war einer der besten deutschen Fotografen für Architektur und Technik. In den 1950er Jahren nahm er auch Addier- und Rechenmaschinen des Braunschweiger Herstellers Brunsviga auf. Seine Bilder führen in die Zeit zurück, als „Gehirne von Stahl“ mit Kurbeln zum Denken gebracht wurden.

Beim Stichwort Kultur der fünfziger Jahre denken wir vor allem an Nierentische, Heimatfilme und die rote Sonne, die bei Capri im Meer versinkt. Doch gab es in der deutschen Wirtschaftswunderära auch avantgardistische Musik, hypermoderne Kunst und Baustile, die sich von altväterlichen Traditionen absetzten und mit großen glatten Flächen und vielen rechten Winkeln operierten. Überliefert hat das unter anderem Heinrich Heidersberger, einer der besten Architekturfotografen seiner Zeit.

Heidersberger wurde 1906 in Ingolstadt geboren und hatte eine wechselvolle Karriere, die ihn auch in die Pariser Kunstszene führte. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete er in Braunschweig und Wolfsburg, wo er 2006 kurz nach seinem 100. Geburtstag starb. Knapp 1.600 seiner Bilder sind online in der Deutschen Fotothek, die meisten zeigen in kühlem Schwarzweiß makellose futuristische Bauten aus Glas und Technik. Erst später drängen sich einzelne Bäume oder Quellwolken hinein.

Doch Heidersberger nahm nicht nur Häuser auf, sondern erfand 1955 ein Gerät zum Zeichnen von Lichtspuren, den Rhythmographen. Die Rhythmogramme, die er mit rotierenden Stangen, Spiegeln und einer Lampe erzeugte, wirken schon wie Computergrafiken. Etwa zur gleichen Zeit erstellte der Fotograf für die Brunsviga Maschinenwerke AG eine Serie von Bildern mit Rechenmaschinen, die für Anzeigen, Werbeschriften und zur internen Kommunikation eingesetzt wurden.

Die einst in Braunschweig ansässige Firma ist heute nur noch Freunden historischer Bürotechnik bekannt. Gegründet 1871 als Grimme, Natalis & Co., fertigte sie ab 1892 die Brunsviga, eine mit einer Kurbel angetriebene mechanische Rechenmaschine für die vier Grundrechenarten. Sie basierte auf einer Lizenz des schwedischen Konstrukteurs Willgodt Odhner, avancierte aber zu einem Urbild deutscher Rechentechnik, das wie der VW Käfer nicht verändert, sondern nur noch stetig verbessert wurde und ansonsten lief und lief und lief, eifriges Kurbeln vorausgesetzt.

1959 wurde der Braunschweiger Hersteller von den Olympia Werken Wilhelmshaven geschluckt, die dann ihrerseits von der AEG übernommen und 1992 endgültig dichtgemacht wurden. Überlebt haben Brunsviga-Produkte bei vielen Sammlern und Liebhabern, in Technikmuseen wie dem HNF, wo man sie im Rechenmaschinenbereich im 1. Obergeschoss findet, und auf den wunderschönen Fotografien von Heinrich Heidersberger.

Seine Brunsviga-Bilder zeigen nicht nur die klassischen Typen mit der Handkurbel, sondern ebenso Vier-Spezies-Maschinen mit Elektromotor sowie Addiergeräte mit und ohne Druckwerk; man erkennt gut die unterschiedlichen Eingabetechniken Stellhebel, Voll- und Zehnertastatur. Ein Foto vereint eine moderne Brunsviga und zwei Exponate aus dem Firmenmuseum, den Nachbau einer Rechenmaschine von Philipp Matthäus Hahn aus dem 18. Jahrhundert und das Buch „Theatrum Arithmetico-Geometricum“ von Jacob Leupold, erschienen 1727.

Andere Fotos vermitteln Eindrücke von fleißigen Brunsviga-Mitarbeitern, die an langen Tischen die Rechenmaschinen zusammenschrauben, von Firmengebäuden, von einem Büromaschinenladen und einem Messestand. Darüber hinaus sehen wir Neujahrs- und Weihnachtskarten und last but not least das Firmenzeichen mit dem rädergefüllten Kopf und dem Slogan „Gehirn von Stahl“. Denkmaschinen gab es also auch schon vor dem Aufkommen des Computers.

Der HNF-Blog bedankt sich bei Benjamin Heidersberger für die Erlaubnis, Bilder seines Vaters nutzen zu können, und verweist auf eine informative Broschüre des von ihm und Bernd Rodrian geleiteten Institut Heidersberger zum Rhythmographen. Außerdem sei noch einmal an die laufenden Paderborner Fototage erinnert, zu denen das HNF Bilder von Heinz Nixdorf präsentiert. Und nun kommen endlich die Rechenmaschinen…

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Brunsviga-Fabrik

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Blick in die Fertigung

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Der Klassiker mit der Kurbel: Modell 13 RK

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Innenleben einer Brunsviga

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Elegant und elektrisch: Vierspezies-Maschine 11 E

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Rechenmaschine mit Volltastatur: Modell 11 S

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Zeitlos schön: Modell 16 T mit Zehnertastatur

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Einfachaddierer 90 TA

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Addiert elektrisch mit zehn Tasten und Druckwerk: Brunsviga G 89 E

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Mit Volltastatur: Addierer G 1000 E

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Hahn-Maschine und Leupold-Buch aus dem Brunsviga-Museum

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Hier gibt es Bürotechnik !

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Brunsviga-Messestand, vielleicht für Hannover

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Brunsviga wünscht Guten Rutsch

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Das Gehirn von Stahl sagt Tschüss

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