Der Flugpionier und sein Rechenapparat
Geschrieben am 11.08.2026 von HNF
Der erste Mensch, der Fluggeräte schwerer als Luft baute und mit ihnen flog, war Otto Lilienthal. Er wurde 1848 in Anklam in Vorpommern geboren und starb 1896 nach einem Absturz. Am 18. September 1888 erhielt er ein Patent für ein Rechengerät mit Scheiben für das kleine Einmaleins. Ganz ähnlich funktionierte ein von ihm erfundenes Lesespiel.
Ein Gleiter nach seinen Plänen hängt, siehe Eingangsbild, im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Die Rede ist von Otto Lilienthal, der in den 1890er-Jahren solche Geräte anfertigte, sie in zahlreichen Luftsprüngen erprobte und an Nutzer im In- und Ausland verkaufte. Seine Ideen führten letztlich zum Flugzeug, wie wir es kennen, er befasste sich aber auch mit ganz anderen Dingen.
Zur Welt kam Otto Lilienthal am 23. Mai 1848 in Anklam. Damals lag die Stadt im Westen der preußischen Provinz Pommern, heute gehört sie zu Mecklenburg-Vorpommern. Otto besuchte das Gymnasium, 1864 wechselte er zu einer Gewerbeschule in Potsdam. Von 1867 bis 1870 studierte er am Berliner Gewerbeinstitut. Nach dem Militärdienst arbeitete er für Maschinenbaufirmen, 1883 gründete er in der Reichshauptstadt eine Dampfkessel- und Maschinenfabrik. Daneben beschäftigte er sich mit aerodynamischer Forschung und ab 1890 mit Flugapparaten.
Schon in den 1870er-Jahren erfand Otto Lilienthal eine Schrämmmaschine. Sie wurde mit einer Handkurbel angetrieben und erfolgreich in Bergwerken eingesetzt. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Gustav ein Spiel mit Bausteinen. Die Lilienthals verkauften das Konzept allerdings an einen Unternehmer in Thüringen; als Anker-Steinbaukasten wurde es dann ein Welterfolg. Gustav Lilienthal erdachte auch die Technik mit gelochten Leisten, die wir als Stabilbaukasten kennen.
Das Datum vom 15. März 1878 und die Nummer 2.367 trug ein Patent von Otto Lilienthal, das mit Geometrie zu tun hatte. Es betraf ein Gerät zum Anreißen von Mittellinien. Heute gibt es für solche Zwecke Zentrierwinkel oder Vorrichtungen, wie sie dieses Video zeigt. Zehn Jahre später, am 8. April 1888, meldete Lilienthal einen arithmetischen Rechenapparat an. Das Patent wurde am 18. September 1888 mit der Nummer 44.632 erteilt; es enthielt nur eine Textseite und eine zweite mit Grafiken.
Der Apparat beherrschte das kleine Einmaleins, er rechnete aber nicht, sondern setzte eine Rechentafel um. Wir vermuten, dass er für Kinder gedacht war. Er umfasst eine Deck- und eine Bodenplatte und dazwischen zwei gegeneinander versetzte drehbare Scheiben E und F. Auf der oberen Scheibe E befinden sich neun Aufschriften von „x 2“ bis „x 10“ und neben jeder ein Schauloch. Auf Scheibe F direkt darunter sitzen auf Kreisen neunmal die Zahlen von 1 bis 10. Ein äußerer Zahlenkreis enthielt alle Rechenergebnisse von 2 bis 100.
Wie wird der Apparat bedient? Der Nutzer stellt zuerst den zweiten Faktor der Multiplikation ein: Scheibe E lässt sich durch ein rechteckiges Fenster in der Deckplatte betrachten. Danach dreht er Scheibe F, bis im Schauloch von Scheibe E der gewünschte erste Faktor erscheint. Das Resultat der Rechnung steht hinter dem Fensterchen oben in der Platte. Die Grafik der Patentschrift weist dabei einen Fehler auf. Die Eingabe 4 x 5 oder 7 x 5 – die Schrift ist schwer zu lesen – kann niemals zur angezeigten Zahl 33 führen.
Am 8. April 1888 reichte Otto Lilienthal noch eine andere Erfindung ein, ein Lesespiel. Das Patent mit Nummer 44.540 wurde ebenfalls am 18. September des Jahres erteilt. Im Gerät kann man mit Buchstaben versehene Scheiben um eine gemeinsame Achse drehen, sodass Worte entstehen. Zwei weitere Scheiben tragen kleine Bilder. Es stellt sich die Frage, ob das nicht einfacher geht, zum Beispiel durch Täfelchen mit Buchstaben, die man aneinander legt, doch Lilienthal erkannte wohl zu Recht den Reiz des Mechanischen.
Es ist nicht bekannt, ob die Erfindungen je Marktreife erlangten. Rechenhilfen fürs kleine Einmaleins gab es im 20. Jahrhundert zuhauf, Wilfried Denz listet sie auf Rechnen ohne Strom auf. Fans von Otto Lilienthal kennen diese und diese Seite des ihm gewidmeten Museums in Anklam. Vor 130 Jahren, am 9. August 1896, stürzte der Luftfahrtpionier mit seinem Gleiter in Brandenburg ab; er starb einen Tag später in Berlin. Auch Bruder Gustav baute ein Fluggerät, das ein Film von 1929 überliefert, es verließ aber nie den Boden.



