Die Rechenhilfe aus Russland
Geschrieben am 02.06.2026 von HNF
Heute findet man sie nur in Kindergärten und Grundschulen. Als die sogenannte russische Rechenmaschine im 18. Jahrhundert zum ersten Mal in der Presse erwähnt wurde, galt sie noch als ein Gerät für Erwachsene. Das typische Merkmal sind die horizontalen Drähte mit darauf verschiebbaren Kugeln. In Berlin gibt es seit den 1970er-Jahren eine Statue mit ihr.
1799 herrschte wieder einmal Krieg in Europa: England, Österreich und das Zarenreich kämpften gegen Frankreich. Am Jahresende kehrte der russische Feldmarschall Alexander Suworow aus der Schweiz zum Winterquartier nach Böhmen zurück. Dabei marschierten seine Truppen durch die Augsburger Gegend. Am 14. Dezember 1799 meldete die dortige Zeitung:
„Die russisch-kaiserl. Armee ist nun ganz über den Lech gegangen. Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers Paul ist der Oberproviantmeister, Herr Major Le Lievre vom Generalstab, hier in Augsburg zurück geblieben, um alle an die russische Armee gemachten Naturallieferungen zu liquidiren. – Die russisch-kaiserl. Herren Offiziers vom Rechnungswesen führen eine in Deutschland noch wenig bekannte Rechenmaschine bey sich, mittelst welcher sie ziemlich geschwind und sicher rechnen. Sie hat die Gestalt eines Damenbretts.“

Stschoty des ukrainischen Kriegshelden Iwan Masepa aus dem frühen 18. Jahrhundert; unten befand sich ein Spiegel. (Foto Movses CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
Das war wohl die erste Erwähnung der Stschoty in der deutschen Presse. Das russische Wort bedeutet Rechnungen oder Berechnungen und steht im Plural. Der Reporter verglich das Gerät mit einem Damebrett, das lag nahe, denn Dame wurde damals auf zehn mal zehn Feldern gespielt. Die Stschoty umfassten etwa zehn parallele Drähte, die fast alle zehn Kügelchen trugen; auf einem Draht, manchmal auf zweien, saßen nur vier. Im Lauf der Zeit bürgerten sich der Name russische Rechenmaschine und der Stschoty im Singular ein.
Eine längere Beschreibung erstellte 1743 der dänische Theologe Peder von Haven. Ein Jahr später lag sein Buch Reise in Rußland in deutscher Sprache vor, dazu der Anhang über das „Chinesische und ietzo in Rußland gebräuchliche Rechen-Bret“. Er umfasste 56 Seiten und ging auch auf die Vorgeschichte des Geräts ein. Der Autor glaubte an einen ostasiatischen Ursprung, doch könnte sich das Brett ebenso aus dem europäischen Rechentisch entwickelt haben, wie ihn Adam Ries im 16. Jahrhundert benutzte.
Im frühen 19. Jahrhundert ist eine „kleine russische Rechenmaschine“ in einer Schule für sehbehinderte Kinder in Berlin belegt. 1819 schildert der in Wien tätige Blindenpädagoge Johann Wilhelm Klein eine reduzierte Form in seinem Lehrbuch. Zur gleichen Zeit führte der französische Mathematiker Jean-Victor Poncelet das Gerät in einer Schule in Metz ein; er hatte es als Kriegsgefangener nach Napoleons Russlandfeldzug kennengelernt. In der Mitte des Jahrhunderts verbreitete sich die Rechenmaschine in deutschen Lehranstalten. Ab 1893 tauchte der Begriff in Patentschriften auf.
Die Stschoty sind noch im Handel, wobei sie heute Rechenschieber oder Rechenrahmen genannt werden und bunte Kügelchen besitzen. Kurz nach Kriegsende fertigte eine Firma in Brandenburg noch das Originalmodell. In seiner russischen Heimat traf man es bis zur Jahrtausendwende in Geschäften, Büros und Postämtern an, mittlerweile dürften auch dort Taschenrechner und Smartphones den Markt beherrschen. Zum Jahr der Mathematik 2008 erklärte es das Deutsche Museum in einem Video, bitte den YouTube-Link anklicken.
In Berlin entdeckten wir die Rechenmaschine an einem ungewöhnlichen Ort, nämlich auf dem Schloss Charlottenburg. Die Nordfassade krönen 2,20 Meter hohe Figuren, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren. Die zwanzig Statuen aus Aluminium wurden allerdings erst in den 1970er-Jahren beim Wiederaufbau des Schlosses platziert; manche weisen moderne Stilelemente auf, die man aus der Entfernung meist – oder zum Glück – nicht bemerkt.
Der am Projekt mitwirkende Bildhauer Günter Anlauf schuf für seinen Dachabschnitt vier gesichtslose Gestalten, die die Wissenschaft symbolisieren. Die Allegorie der Geometrie erkennt man am Zirkel, die Statue mit dem Rechenbrett – siehe das obige Foto – verkörpert die Arithmetik. Diese Form des Bretts entstand erst im 19. Jahrhundert, aber wir wollen nicht so streng sein. Es passt ganz gut in die Gruppe, und die Berliner besitzen damit das weltweit einzige Denkmal einer mathematischen Maschine.


