Lesestoff für Hacker

Geschrieben am 15.01.2019 von

Ein echter Hacker liest nur die Mails und technische Handbücher. Das änderte sich am 12. Januar 1984.  Damals erschien die erste Nummer der Zeitschrift „2600“ in Middle Island; der Ort liegt östlich von New York. Sie richtete sich an Computerfreaks, die unbeschränkt im Netz surfen wollten, aber auch an sogenannte Phreaks, die gern gratis telefonierten.      

2.600 ist nur eine harmlose Dezimalzahl ohne tiefere Bedeutung. Erzeugt man jedoch einen Ton mit 2.600 Schwingungen pro Sekunde oder 2.600 Hertz, dann können seltsame Dinge geschehen. Wer ihn durch eine amerikanische Telefonleitung der 1970er-Jahre schickte, der konnte eine ferne Vermittlungsstelle glauben machen, dass das Gespräch beendet wurde. Worauf die Vermittlung ein neues Gespräch erlaubte, ohne Telefongebühren zu zählen.

Das ist das Prinzip des Phreaking. Es wurde ab den späten Sechzigern in den USA praktiziert und stetig verbessert. Das erste Gerät zum Erzeugen des 2.600-Hertz-Tons war eine Plastikflöte, die Cornflakes der Marke Cap‘n Crunch beilag, siehe Foto unten. An ihre Stelle trat bald die Blue Box, die Töne elektronisch produzierte. Der bekannteste Phreak war John Draper alias Captain Crunch, der einmal das HNF besuchte. Auch Apple-Mitgründer Steve Wozniak widmete sich einst der Telefontäuschung.

In den frühen Achtzigern drängten die Telefongesellschaften das Phreaking zurück, doch die Heldengeschichten der Vergangenheit waren nicht vergessen. Als Eric Corley und David Ruderman 1983 daran gingen, eine Zeitschrift für Phreaker und Hacker zu starten, wählten sie „2600“ als Titel. Die beiden kannten sich von der Universität des US-Bundesstaats New York in Stony Brook; der Ort liegt auf der Insel Long Island, die von der Stadt New York aus 190 Kilometer in den Atlantik ragt. Corley wurde 1959 auch auf Long Island geboren; er studierte dann englische Literatur.

2.600-Hertz-Pfeife der Frühstücksflocken „Cap’n Crunch“.

Die Kunst des Hackens – das Eindringen in fremde Computer – entstand später als das Phreaken; die passenden Rechner für zuhause waren erst in den späten 1970er-Jahren verfügbar. Ab 1978 entwickelten sich Mailboxen oder Bulletin Boards, wie die Amerikaner sagen. Viele jugendliche User lernten damit den Umgang mit Modem  und Akustikkoppler und das Surfen im frühen Internet. Und sie entdeckten schnell, dass es neben Mailboxen noch andere interessante Adressen gab, etwa vom Militär oder von Forschungsinstituten.

Sie waren durchweg mit Passworten geschützt, was die Hacker aber nur weiter antrieb. Es bildeten sich Clubs wie der Inner Circle und die 414s; 1983 nahm sich Hollywood des Themas an. Gemeinsam war Hacking und Phreaking der Bezug zur IT-Technik und der Reiz des Verbotenen; es lässt sich verstehen, dass Eric Corley und David Ruderman beide Bereiche erfassen wollten. Für die Telefonexperten gab es schon eine Publikation, die 1971 gegründete Zeitschrift TAP. Sie stellte allerdings 1984 ihr Erscheinen ein.

Die Erstausgabe von „2600“ kam am 12. Januar 1984 auf der schon erwähnten Insel Long Island heraus, im Örtchen Middle Island. Sie umfasste sechs Seiten, die Auflage betrug weniger als hundert Exemplare. Die Leser wurden mit einem groß gedruckten AHOY begrüßt. Dieses kennen wir aus der Seefahrt, doch so lautete auch die von Telefonpionier Alexander Graham Bell vorgeschlagene Anrede bei Ferngesprächen. Sie konnte sich nicht gegen das Hallo durchsetzen, das der berühmte Erfinder Thomas Edison bevorzugte.

So wird’s gemacht! Ex-Phreak John Draper 2015 an der Blue Box des HNF. (Foto: Jan Braun, HNF)

Zu Beginn wandten sich die „2600“-Hefte eher an die Phreaker. Nr. 1 enthielt zum Beispiel das Telefonverzeichnis des Weißen Hauses mit allen Durchwahlnummern bis hinauf zum Präsidenten. Nr. 3 vom März 1984 listete die Links ins amerikanische Militärnetz MILNET auf, das im Vorjahr vom 1971 begründeten ARPANET abgetrennt worden war. Außerdem brachte die Ausgabe einen längeren Artikel über die Denkweise eines Hackers. Im Juni 1984 berichtete man vom „ARPANET Hopping“, Amerikas neuester Freizeitbeschäftigung.

Nach und nach vermehrten sich die Computerartikel, und  das Untergrund-Blatt verwandelte sich in eine normale Zeitschrift.  1987 erhielt es ein Titelbild; 1988 wurde aus dem „Monthly Journal of the American Hacker“ das vierteljährliche  „Hacker Quarterly“. 1994 feierte es den zehnten Geburtstag mit einer Konferenz in New York. Im Video der Podiumsdiskussion sitzt Eric Corley ganz rechts; David Ruderman ist der Zweite von links. Corley nannte sich damals Emmanuel Goldstein nach dem unsichtbaren Staatsfeind im Roman 1984.

Mit der New Yorker Tagung begann eine Serie, die bis heute andauert. Die  „Hackers On Planet Earth“ freffen sich alle zwei Jahre, zuletzt im Juli 2018. Auch Eric Corley ist noch höchst aktiv. Er gibt nach wie vor seine Zeitschrift heraus und tritt jede Woche in zwei technikorientierten Radioprogrammen auf. 2001 drehte er einen Dokumentarfilm über den bekannten Hacker Kevin Mitnick. Corleys Unternehmen 2600 Enterprises ist neben der Electronic Frontier Foundation eine Säule der amerikanischen Hackerkultur.

Eric Corley 2011 beim Kongress des Chaos Computer Clubs (Foto AlexanderKlink CC BY 3.0)

Anzumerken ist, dass zwei Monate nach der Geburt von „2600“ die „Datenschleuder“ des Chaos Computer Clubs startete. Ende 1984 erschien dann weiter südlich die „Bayrische Hackerpost“. Ältere „2600“-Nummern finden sich hier und – mit ätzenden Kommentaren – hier. Unser dritter Link führt zu einer Artikelsammlung, die Eric Corley alias Emmanuel Goldstein 2006 erstellte. Das Eingangsbild fotografierte Lucius Kwok (CC BY-SA 2.0).

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