ENIAC

Wir haben Mut

Geschrieben am 29.05.2026 von

Am 30. Mai begeht die Dichterin Dagmar Nick in München ihren 100. Geburtstag. 1954 veröffentlichte sie das Sonett „Wir“, das die moderne Wissenschaft und Technik ins Auge fasste. Es erwähnte auch die Macht des Robotergehirns. „Wir“ ist das wohl erste poetische Zeugnis zur Informatik in deutscher Sprache, vielleicht sogar der Weltliteratur, und fasziniert noch immer.

Ein Sonett ist laut Wikipedia ein gereimtes Gedicht aus vier Strophen mit insgesamt vierzehn Zeilen. Es entstand im Mittelalter und liegt in einer kontinental-europäischen und einer englischen Form vor. Ein Meister des Sonetts war William Shakespeare, ältere Leser kennen vielleicht aus der Schule die Moabiter Sonette von Albrecht Haushofer.

1954 erschien in drei Kulturzeitschriften das Gedicht „Wir“; hier geht es zum Abdruck der „Deutschen Rundschau“ vom Juli des Jahres. Es lockerte die Sonett-Form auf, zählte aber vierzehn Zeilen und gliederte sich in eine Exposition und eine Schlussfolgerung. „Wir“ stammte von der Lyrikerin Dagmar Nick, die am 30. Mai 1926 in Breslau zur Welt kam; ihr Vater, der Komponist Edmund Nick, arbeitete für den Rundfunk. 1933 zogen die Nicks nach Berlin. 1944 wurden sie ausgebombt, über Böhmen und Bayern gelangten sie nach München. Dagmar Nick überstand während dieser Zeit eine jahrelange Tuberkulose.

„Wir“ war das erste deutsche Gedicht mit einem digitalen Computer. Im 19. Jahrhundert besangen die Poeten die Industrie und die Eisenbahn; Friedrich Nietzsche widmete vier Zeilen seiner Schreibkugel aus Dänemark. 1928 schuf Kurt Tucholsky ein etwas längeres Gedicht über Schreibmaschinen, die intelligenten Schwestern blieben aber im Reich der Science-Fiction. Das änderte erst Dagmar Nick. Im Folgenden möchten wir die vier Strophen ihres Textes durchgehen und die literarischen und technischen Bezüge aufdecken.

Dagmar Nick bei einer Lesung 2019 (Foto Justine Bittner CC BY-SA 4.0 seitl. beschnitten)

Wir haben Mut. Wir glauben an die Macht
des Robotergehirnes.
Wir gehen blindlings in die letzte Nacht
des sterbenden Gestirnes.

1954 lief bei uns noch kein Computer, man sprach von Denkmaschinen, Elektronenhirnen und eben Robotergehirnen. Dagmar Nick mag im Juni 1952 vom Robotergehirn ENIAC im SPIEGEL gelesen haben; wir haben es noch einmal für unser Eingangsbild oben verwendet. Der gleiche SPIEGEL-Artikel erwähnte die beiden ersten elektronischen Rechenmaschinen in Deutschland, die G1 und die G2 in Göttingen. Unklar ist der Sinn des sterbenden Gestirns, das unsere Erde oder die verlöschende Sonne sein kann.

Wir haben alles Leben in der Hand.
Wir machen keine Worte.
Die Formel stimmt. Es züchtet der Verstand
den Tod in der Retorte.

Hier haben wir eine geballte Technikkritik mit dem bedrohten Leben, der gnadenlosen Formel, dem bösen Verstand und der Retorte, die den Tod bringt. Es versammeln sich die Schreckensbegriffe der 1950er-Jahre, doch so konzentriert, dass man sie lieben muss. Man beachte die poetische Spannung zwischen dem Leben in der ersten Zeile und dem Tod in der letzten. Die Retorte blieb uns dann erhalten, man denke an die Retortenbabys, und mathematische Formeln ängstigen Menschen bis heute.

Wir spielen mit zerschmetterten Atomen
und fürchten uns nicht mehr vor Karzinomen,
vor Pest und Tbc.

Jetzt kommt endlich ein positives Wort („spielen“), doch gleich darauf das Atom. Dagmar Nick kannte sicherlich den Ausdruck Atomzertrümmerung, der seit den 1920er-Jahren die physikalische Umwandlung des Atomkerns bezeichnete. Die von ihr genannten Krankheiten deuten vielleicht die friedliche Nutzung der Kernenergie an, die seit Ende 1953 diskutiert wurde, oder aber neue Medikamente wie das Penicillin. Damals starteten in den USA auch die ersten Versuche mit Polio-Impfungen.

Wir wohnen ungerührt am Rand der Hölle,
und manchmal nur tut uns noch jene Stelle,
wo einst das Herz schlug, weh.

Das ist das sonett-übliche Fazit. Die Hölle verband man in den frühen 1950er-Jahren oft mit Atombomben und Atomkriegen, der Höllenrand stand ebenso in einem Gedicht der Autorin Gertrud von le Fort aus dem Jahr 1950. Den Begriff könnte Dagmar Nick aber durchaus selbst gefunden haben. Das fehlende Herz hat wohl weder mit Medizin noch mit Robotern zu tun, es erinnert eher an Märchen wie Das kalte Herz von Wilhelm Hauff. Im „weh“ am Ende klingt wieder das Titelwort „Wir“ an.

Dagmar Nicks Gedicht brachte 1957 auch die ZEIT, es dürfte ihr bekanntestes Werk sein. Heute wird sie zu den wichtigsten modernen Lyrikerinnen deutscher Sprache gerechnet. Daneben verfasste sie Bücher zur Mythologie sowie Reiseberichte; von 1963 bis 1967 lebte sie in Israel. Wer sich im Internet Archiv anmeldet, kann dort Hörspiele und ihr jüdisches Familienbuch lesen. Weitere Fotos von ihr liefert die Bayerische Staatsbibliothek, wenn man im Menü „Dagmar Nick“ eintippt. Dieses Video entstand 2021 in ihrer Münchner Wohnung.

Männliche Dichter entdeckten den Computer erst nach Dagmar Nick. Friedrich Dürrenmatt schrieb 1958 über Elektronische Hirne – bitte PDF-Seite 21 aufsuchen – und Hans Magnus Enzensberger in den 1960er-Jahren die blindenschrift. Der Münchner Poetin wünschen wir aber Gesundheit und alles Gute und morgen eine schöne Feier zum hundertsten Geburtstag.

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