Erfinde, Amigo! – Patente aus Lateinamerika
Geschrieben am 26.05.2026 von HNF
Die moderne Wissenschaft ist ein Kind Europas, die industrielle Revolution fand in England statt, die Datenverarbeitung begann ihren Weg in den USA. Dabei gerät in Vergessenheit, dass in Ländern Lateinamerikas schon seit dem 19. Jahrhundert Erfindungen zur Rechen-, Schreib- und Chiffriertechnik gemacht wurden. Wir wissen das aus Anmeldungen, die ihre Bürger im amerikanischen Patentamt einreichten.
Wer mehr zur Geschichte von Mittel- und Südamerika ab etwa 1850 erfahren will, der liest Karl-May-Romane oder schaut sich Filme wie Viva Maria! oder Bete, Amigo! an. Wir möchten einmal einen anderen Weg gehen und die Frage beantworten: Dachten die Menschen in den lateinamerikanischen Ländern damals über Informationstechnik nach und veröffentlichten sie etwas darüber?
Sie taten es, und sie publizierten ihre Ideen in Form von Patenten. Das 1821 unabhängig gewordene Mexiko legte sich schon 1832 ein Patentgesetz zu, das einige Male novelliert wurde. Die frühen Erfindungen sind nicht online, aber Google Arts and Culture überliefert eine Lehrmaschine aus dem Jahr 1880, die unter anderem die Mathematik erfasste. Bitte rechts mit dem Schieber scrollen, die zugehörige Patentschrift steht in der Mitte der Seite und ist leicht zu erkennen. Zum Erfinder Clemente Antonio Neve (1829-1905) erschien 2022 eine Biografie in spanischer Sprache.
Im Folgenden betrachten wir Patente aus Lateinamerika, die beim US-Patentamt eingereicht wurden. So meldete José Herran y Bolado aus der mexikanischen Stadt Aguascalientes 1891 einen Calculator an, einen Rechenstift für Multiplikationen und Divisionen. Herran erfand außerdem Schreibmaschinen und gelangte darüber ins Internet. Einen anderen Mathe-Stift erdachte Jorge Quijano. 1928 beantragte er ein mexikanisches und 1929 ein amerikanisches Patent. Gabriel Martinez war ein Auslandsmexikaner in New York und erhielt 1916 ein Patent für eine im Vorjahr angemeldete Addiermaschine.

Modell einer Schreibmaschine des Kubaners Juan Vidal (Foto aus dem „Scientific American“) – man beachte die neu geordnete Tastatur.
Östlich von Mexiko liegt Kuba mit der Hauptstadt Havanna. In der Concordia-Straße betrieb Juan Vidal eine Werkstatt oder ein Geschäft für Schreibmaschinen, denn aus den 1900er-Jahren liegen fünf Patente für ihn vor. Man findet sie, wenn man in das Menü des Münchner Patentamts den Namen ins Anmelder-Fenster eintippt und unten für die Suche im Volltext „Habana“ hinzufügt. Dem Scientific American zufolge schuf Vidal 1902 eine der Hand angepasste Tastatur; das Modell im Foto dürfte diesem Patent von 1907 entsprechen.
Der südliche Nachbar von Mexiko ist Guatemala, unabhängig seit 1847. In der Küstenstadt Ocós erfand der Telegrafist José Gallegos im Jahr 1893 gleichfalls eine Lehrmaschine; sie erklärte die Mathematik ganz elementar mit Kügelchen. Zwei Patente für ein Rechengerät erstrebte 1905 der aus Deutschland zugezogene Karl Heinrich Johann Marckwordt. Das amerikanische Patentamt gewährte sie mit den Nummern 820.226 und 841.413. Wie es scheint, basierte das Gerät auf der schon länger bekannten Multiplikationstafel.
Keine mathematischen Erfindungen ermittelten wir für El Salvador, Nicaragua und Panama, aus Costa Rica traf 1909 ein Patentantrag für eine Schreibmaschinen-Tastatur ein. Aus Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras, meldete Ramón Guzmán 1914 und 1917 zwei Chiffriermaschinen an. Vermutlich handelte es sich um Ramón Guzmán Montes, der aus Genealogie-Seiten bekannt ist. Eine Grafik aus dem ersten Patent zeigt unser Eingangsbild. Ein anderes Codiergerät reichte 1923 João Pinto Pessóa aus Rio de Janeiro ein.
Nun sind wir in Südamerika, das salopp gesagt mit Kolumbien anfängt. José Villa aus Medellin beantragte 1880 ein US-Patent für seine proportional dividers, die ein analoges Rechengerät darstellten. Analog arbeitete auch der Apparat zum Teilen von Winkeln, den Scipion Llona aus der peruanischen Hauptstadt Lima 1903 anmeldete. Hermilio Manuel Vizcarra, der ebenfalls dort wohnte, erfand 1917 eine Lehrmaschine. Heute gilt er als der Edison von Arrequipa, wo er 1866 geboren wurde. Er starb 1938.
Unsere vierte und letzte Lehrmaschine geht auf Eduardo Paez Pumar zurück. Er sandte den Patentantrag 1935 aus Caracas in Venezuela ab. Im Vergleich zu der Vorrichtung von Señor Vizcarra fällt die elektrische Beleuchtung auf. Beenden möchten wir unsere Reise durch Lateinamerika im Süden. In Buenos Aires entwarf der gebürtige Italiener Alexander Connio 1913 eine logarithmische Rechenmaschine; im selben Jahr erhielt er das US-Patent. Der Amerikaner Meade Zimmer arbeitete 1930 in der staatlichen Sternwarte von Argentinien in Córdoba. Er erfand eine digitale elektrische Rechenmaschine und bekam sein Patent 1934.
Unsere Übersicht bleibt unvollständig, da wir weder mexikanische noch spanische Patente untersuchten. Den größten Beitrag Lateinamerikas zur Geschichte der Informatik bilden die Quipus und der altperuanische Abakus, die Yupana. Die wichtigste Idee aus jüngster Zeit ist ohne Zweifel das Captcha. Wie das dazugehörige Patent beweist, wirkte an seiner Erfindung Luis von Ahn mit, der 1978 in Guatemala geboren wurde. Inzwischen unterrichtet er die Gringos im Norden, denn er arbeitet an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. .
